Deutschland ein Frühlingslied – der Dichter kommt nach Dresden

Die Reise von Michael Schernthaner auf den Spuren von Heinrich Heine durch das wiedervereinigte Deutschland geht weiter. Von Leipzig kommend, macht er Rast in Dresden:

VII

Das majestätische ‚Elbflorenz’
Ist herrlich im Tal gelegen.
Es zieht sich an beiden Ufern empor
In vielen verschlungenen Wegen.

In Dresden spazierte ich sogleich
An die Elbe und zum Zwinger.
Es wurde kühl, mich fröstelte.
Kalt waren auch meine Finger.

Hier wurde im letzten Kriegsgeschehen
Die Stadt fast gänzlich zertrümmert.
Die Menschen arbeiten fleißig und hart,
Doch sie schienen noch immer bekümmert.

In einer einzigen Bombennacht
War alles verbrannt und zerbrochen.
Ich habe bei meinem Gang durch die Stadt
Den Schwefel noch immer gerochen.

Viel tausend Menschen starben hier.
Die ganze Stadt stand in Flammen.
Mir schoss der Teufel in den Kopf,
Er sollte den Krieg verdammen.

Ich hatte es nur leise gedacht
Und wollte grade weitergehen,
Da sah ich die grinsende Teufelsgestalt
Schon wieder frech vor mir stehen.

“Du willst die Welt verändern”, sprach er
“Ich höre auf deine Befehle.
Doch unterschreibe zuerst den Kontrakt
Und verehre mir deine Seele.

In deiner Hand liegt dann Leben und Tod.
Die Welt hört auf deine Gebote.
Der Krieg ist nur ein Gesellschaftsspiel.
Was scheren dich tausende Tote?

Die Masse ist Unsinn, dass weißt du genau.
Ich spreche hier von der Elite.
Schlag ein, mein Freund, nutz deine Chance,
Beherrsche die Welt und gebiete.”

“Fahr doch zur Hölle und lass mich in Ruh,
Wir werden es ohne dich schaffen.
Die Menschen sind jetzt erfahren genug.
Sie greifen nicht mehr zu den Waffen!”

Der Teufel lachte laut, er rief:
“Du willst auf mich verzichten? Vertraust
Der Menschheit immer noch, du Narr,
Sie wird sich selbst vernichten!

Sieh dich doch um in deiner Welt,
Die Menschen werden nicht klüger.
Sie streben gierig nach Macht und Geld,
Die meisten sind Heuchler, Betrüger.

Ich sehe schwarz für dein Vaterland,
Es wird keine Zukunft geben.
Der Untergang ist euch gewiss.
Du wirst es selbst noch erleben.

Überlege dir mein Angebot gut.
Schlag ein, oder lass es bleiben.
Ich übe mich weiterhin in Geduld.
Du musst nicht gleich unterschreiben.

Denn, ehrlich gesagt, tust du mir leid.
Ich will dich sicher nicht quälen.
Doch wenn du mich brauchst, so rufe nur.
Auf mich kannst du immer zählen.”

Kaum hatte er mir das gesagt,
War er auch schon verschwunden.
Ich ging noch lange allein durch die Stadt,
Mit ihren vernarbten Wunden.

VIII

Mein Bett stand in einer kleinen Pension.
Doch quälten mich schwere Träume.
Ich lief des Nachts im Zwinger umher.
Nur Kerzen erhellten die Räume.

Ich kam auch in den grünen Salon.
Da sah ich unscheinbar hocken
Den König August, den Starken, und er
Begrüßte mich schwermütig trocken.

“Nun, hast du dir meine Stadt angesehen?
Ich kann es noch immer nicht fassen.
Die Kerle, die das ihr angetan,
Ich werde sie hängen lassen.”

“Oh, König”, rief ich, “ein andres Gericht
Tat das schon an deiner Stelle.
Die Seelen, die diesen Brand entfacht
Die schmoren jetzt selbst in der Hölle.

Mephisto lässt sich keinen entgehen.
Ich hab ihn in Leipzig getroffen.
Der Spitzbube hat mich ziemlich erschreckt.
Das sag ich dir ehrlich und offen.

Ich dachte beinahe, ich werde verrückt
Als ich den hinkenden Luzifer sah.
Er hat so einen hypnotischen Blick
Und kam mir so unheimlich nah.”

Das munterte den August auf
Den Starken, und er fragte:
Wie er sich den Teufel vorstellen soll,
Und was dieser Höllenhund sagte.

“Mein König, er hat einen Pferdefuß
Und Augen, die feurig wild funkeln.
Er ist ein mächtiger Zauberer.
Beherrscht eine Welt im Dunkeln.

Er kann in seinem Reiche tief
Nach Lust und Laune walten.
Auf der Erde erscheint er stets
In verschiedenen Gestalten.

Mal kommt er als Hund, mal als Bräutigam.
Mal als Fuchs, gerissen und klug.
Mal bestimmt er die Politik
Und steuert den Strafvollzug.

Er ist ein Meister in jeder Person
Und hofft mit Geduld auf die Seelen,
Die er in seine Kessel steckt,
Um sie genussvoll zu quälen.

Ich habe ihn jetzt schon zweimal gesehen.
Er forderte meine Seele. Er sagte:
Wenn ich seinen Vertrag unterschreib,
Erfüllt er mir meine Befehle.

Der König fragte prüfend nach:
“Ist das alles wirklich geschehen?
Der Teufel bietet dir einen Vertrag?
Du hast ihn schon zweimal gesehen?”

Dann fragte er barsch: “Was zögerst du noch?
Fuhr dir der Schreck in die Glieder?
Geh und unterschreib, was er will.
Die Chance bekommst du nie wieder!

Du wirst der mächtigste König sein.
Der Teufel ist dein Begleiter.
Die Welt gehört dir dann allein,
Und du lebst dann ewig weiter.

Wenn du nicht willst, dann tauschen wir.
Ich gehe an deiner Stelle.
Der Teufel macht mir keine Angst.
Ich fürchte nicht seine Hölle.”

Er hatte es auch kaum gesagt,
Da spürte ich einen Schauer,
Ich wusste, der Schattenherrscher lag,
Schon wieder auf der Lauer.

Ich verbeugte mich vor dem König schnell
Und verließ sein Bernsteinzimmer.
Dann hörte ich einen gellenden Schrei.
Es folgte ein leises Gewimmer.

Der Teufel hatte den König geholt.
Ich rannte über die Treppen.
Doch folgte mir die Höllengestalt,
Um auch mich mit sich fortzuschleppen.

Ich hatte Angst und wollte entfliehen.
Sein Schatten folgte mir immer.
Durch meinen Schrei bin ich endlich erwacht
Am Morgen in meinem Zimmer.

Ich stand sogleich auf und duschte mich.
Mein Zug fuhr sehr früh gegen sieben.
Ich hatte viel zu wenig gesehen.
Wäre gern noch länger geblieben.

Und als ich später den Zug bestieg,
Um nach Berlin nun zu fahren.
Da fühlte ich, wie lieb mir doch stets
Die freundlichen Sachsen waren.

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