Wolfram Siebeck – Der Dandy der Gastronomiekritiker hat uns verlassen

Wolfram SiebeckLieber Wolfram,

ich sag ganz leise Adieu!

Ich bin traurig. Du warst für mich der Dandy unter den deutschen Foodkolumnisten. Du hast mich eigentlich immer schon begleitet. Du hast mir beigebracht, was gutes Essen bedeutet. Obwohl du ja gar nicht backen kannst, was übrigens auch fast alle maßgeblichen Foodbloggerinnen von sich behaupten, hast du sogar meine Backkunst beeinflusst. Ich habe deine Kolumnen in der Zeit und im Feinschmecker förmlich verschlungen. Ja, ich habe mich auch oft über deine Zeilen geärgert, vor allem, wenn dir nichts gut genug war, wenn es aus Deutschland kam. Aber als Dandy war deine kulinarische Heimat natürlich Frankreich und eine deutsche Wurst kam bei dir nicht auf den Teller. Aber nachdem du dein ganzes Leben gegen die deutsche Hausmannskost einen Kleinkrieg geführt hast, bist du anscheinend doch noch altersmilde geworden und hast gleich ein Buch über die Deutsche Küche geschrieben (Die Deutschen und ihre Küche). Ich glaube ja, du hast hauptsächlich gegen die Küche deiner eigenen Mutter angeschrieben und gar nicht gemerkt, wie sich unsere Küche verändert hat. Wahrscheinlich warst du sogar mit deinen Kolumnen maßgeblich daran beteiligt, warum sich die Deutschen Spitzenköche solange nicht getraut haben, die deutsche Regionalküche zu modernisieren und in einem neuen Gewand zu präsentieren.

Bei mir hast du jedenfalls immer Widerstand ausgelöst, mit deiner Antihaltung zur Deutschen Küche und deinem Nichtgebacke. Aber ich wollte immer so schreiben können wie du, ironisch leicht, mit einem spöttischen Unterton und doch treffsicher formuliert. Ständig hast du neue Dogmen präsentiert, die sich natürlich auch mal widersprochen haben. Manchmal hast du sogar in einer Kolumne das Gegenteil vom Vorherigen behauptet. Irgendwie hat es niemanden gestört oder vielleicht ist es ja auch keinem aufgefallen. Aber es hätte sich ja auch keiner widersprechen getraut. Denn du warst ja der Godfather unter den Gastronomiekritikern. Solange du konntest, hast du geschrieben und als die Kolumnen in den Zeitungen und Zeitschriften immer weniger wurden, bist du dann sogar noch einer von uns geworden und hast einen Foodblog aufgemacht.

Wir (ich) werden dich vermissen. Es bleibt eine riesige Lücke und ich weiß auch nicht wer dich ersetzen könnte.

Ich sag nochmal leise Adieu!Wolfram Siebeck

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